Zweites Licht
01 — HaltungMaterial geht selten kaputt. Es wird nur unbrauchbar für den einen Zweck, für den es gedacht war — und landet deshalb im Container. Eine Kerze, die zu kurz zum Brennen ist. Ein Brett, das zu schmal für die Küche ist. Ein Parkettstab, den keiner mehr braucht.
Zwei Tätigkeiten, mehr braucht es nicht: werken und wiederverwenden. Ich nehme dieses Material und stelle es in ein anderes Licht — nicht im übertragenen Sinn. Fast alles, was hier entsteht, hat mit Licht zu tun: es wird durchleuchtet, hinterleuchtet, es trägt eine Flamme oder filtert Tageslicht. Erst dann zeigt sich, was im Material steckt.
Denn Gebrauch hinterlässt Spuren, und Spuren werden im Gegenlicht sichtbar. Die Fräsung des Möbels, aus dem die Kante fiel. Der Russ der Nächte, die eine Kerze gebrannt hat. Die abgelaufene Stelle im Parkett, wo dreissig Jahre lang gegangen wurde. Nichts davon lässt sich erfinden, und neues Material hat es nicht.
Ich kaufe kein Material. Ich hole es ab — und gebe ihm das Licht zurück.
Verarbeitet wird kalt und langsam: gegossen, geschichtet, verzapft, geschliffen, gebrannt. Kein Leim, wo eine Verbindung reicht. Keine Beize, wo das Holz schon Farbe hat. Und nichts wird versiegelt, was noch altern darf.
Jedes Werk nennt seine Herkunft. Woher das Material kam und was es vorher war.